Im Jahr 2002 erschien im DAZ-Forum ein Beitrag mit dem Titel „Die zahnärztliche Selbstverwaltung vor dem Aus?“. Liest man diesen Text heute noch einmal, fast ein Vierteljahrhundert später, wirken viele der damaligen Überlegungen überraschend aktuell.
Nicht deshalb, weil sich einzelne Entwicklungen exakt so erfüllt hätten, wie damals befürchtet, sondern weil viele grundlegende Fragen bis heute ungelöst geblieben sind.
Bereits damals wurde intensiv darüber diskutiert, wie sich die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens, veränderte gesellschaftliche Erwartungen und eine stärkere politische Steuerung auf die Selbstverwaltung der Heilberufe auswirken könnten. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Kammern und Körperschaften noch ausreichend in der Lage sind, Entwicklungen aktiv zu gestalten — oder ob sie zunehmend nur noch auf äußeren Druck reagieren.
Rückblickend muss man wohl selbstkritisch feststellen: Vieles von dem, was damals diskutiert wurde, ist später nicht wirklich konsequent angegangen worden.
Dabei war und ist die Grundidee der Selbstverwaltung überzeugend. Der Staat überträgt freien Berufen Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten, weil er davon ausgeht, dass fachlich qualifizierte und ethisch verpflichtete Berufsgruppen bestimmte Aufgaben besser selbst organisieren können als eine zentrale staatliche Verwaltung. Dieses Modell setzt allerdings voraus, dass Selbstverwaltung nicht nur eigene Interessen vertritt, sondern zugleich das Gemeinwohl im Blick behält.
Genau an diesem Punkt ist in den vergangenen Jahren zunehmend Vertrauen verloren gegangen — teilweise auch durch eigenes Versäumnis.
Zu häufig wurde innerhalb der Körperschaften eher reagiert als vorausschauend gestaltet. Gesellschaftliche Veränderungen, neue Anforderungen an Transparenz und Kommunikation sowie die zunehmende wirtschaftliche Prägung des Gesundheitswesens wurden vielerorts unterschätzt. Gleichzeitig entstand nicht selten der Eindruck, dass innerberufliche Konflikte, persönliche Interessen oder taktische Auseinandersetzungen wichtiger seien als gemeinsame langfristige Lösungen.
Hinzu kommt, dass sich auch die Rahmenbedingungen grundlegend verändert haben. Das Gesundheitswesen ist heute deutlich stärker reguliert, ökonomisiert und politisiert als noch vor einigen Jahrzehnten. Die Bereitschaft der Politik, Verantwortung an selbstverwaltete Körperschaften zu delegieren, nimmt spürbar ab, wenn Zweifel an Professionalität, Transparenz oder Handlungsfähigkeit entstehen.
Das betrifft keineswegs nur die Zahnärzteschaft. Ähnliche Entwicklungen lassen sich in vielen Bereichen der klassischen berufsständischen Selbstverwaltung beobachten.
Umso wichtiger wäre es gewesen — und ist es bis heute —, rechtzeitig offen über notwendige Reformen zu sprechen, ohne dabei gleich die Grundlagen der Selbstverwaltung insgesamt infrage zu stellen. Denn Selbstverwaltung ist weder ein historischer Besitzstand noch ein Selbstzweck. Sie muss immer wieder neu legitimiert werden: durch verantwortliches Handeln, transparente Verfahren, demokratische Strukturen und die Fähigkeit, Probleme sachlich und professionell zu lösen.
Vielleicht liegt genau darin auch eine Lehre aus den heutigen Konflikten rund um das Versorgungswerk und andere Institutionen der zahnärztlichen Selbstverwaltung: Nicht jede Kritik ist ein Angriff auf das System. Manchmal ist sie auch Ausdruck der Sorge, dass wichtige Strukturen an Vertrauen verlieren könnten, wenn notwendige Veränderungen zu lange aufgeschoben werden.
Gleichzeitig wäre es aber falsch, daraus den Schluss zu ziehen, Selbstverwaltung habe grundsätzlich ausgedient. Im Gegenteil: Gerade in Zeiten zunehmender staatlicher Steuerung und wirtschaftlicher Interessen bleibt eine funktionierende, verantwortungsbewusste und demokratisch legitimierte Selbstverwaltung von großer Bedeutung — für den Berufsstand ebenso wie für die Gesellschaft insgesamt.
Vielleicht hätten wir manche Entwicklungen früher, klarer und entschlossener diskutieren müssen. Diese Erkenntnis ist weder hämisch gemeint noch Ausdruck rückblickender Besserwisserei. Sie sollte vielmehr Anlass sein, heutige Debatten etwas nüchterner, sachlicher und verantwortungsvoller zu führen.
Denn Vertrauen in Selbstverwaltung entsteht nicht allein durch Satzungen und Institutionen. Es entsteht vor allem dadurch, dass Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, Kritik auszuhalten und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Hintergrund
Der vorstehende Beitrag nimmt Bezug auf einen Artikel, der bereits im Jahr 2002 im DAZ-Forum erschienen ist:
Helmut Dohmeier-de Haan
„Die zahnärztliche Selbstverwaltung vor dem Aus?“
DAZ-Forum 77/2002
Viele der damals diskutierten Fragen erscheinen heute erneut aktuell — insbesondere die Themen Verantwortung der Selbstverwaltung, gesellschaftliche Erwartungen, Professionalisierung, Vertrauensverlust und staatliche Einflussnahme.
Der historische Beitrag wird nachfolgend als Dokument der damaligen Diskussion wiedergegeben.
Faksimile des Originalbeitrags aus dem Jahr 2002
BUZ 2.0
transparent • demokratisch • kollegial
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