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VZB  zwischen Aufarbeitung und Systemzweifeln

Die Diskussionen der vergangenen Wochen und Monate zeigen zunehmend, dass es beim Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin längst nicht mehr nur um einzelne Anlageentscheidungen, Bewertungen oder organisatorische Fragen geht. Sichtbar wird vielmehr ein tiefergehender Konflikt darüber, wie Selbstverwaltung überhaupt verstanden wird und wie mit einer institutionellen Krise umzugehen ist.

Natürlich ist die Situation ernst. Es bestehen erhebliche Fehlentwicklungen, ein massiver Vertrauensverlust sowie ein großer Aufklärungsbedarf. Niemand wird ernsthaft bestreiten können, dass die vergangenen Entwicklungen das Vertrauen vieler Mitglieder nachhaltig erschüttert haben.

Gleichzeitig fällt jedoch auf, dass sich innerhalb der Diskussionen zunehmend sehr unterschiedliche Grundhaltungen herausbilden.

Zwischen Aufarbeitung und Untergangsszenarien

Ein Teil der Debatte konzentriert sich auf notwendige Aufarbeitung, bessere Kontrolle, Transparenz und strukturelle Reformen innerhalb der bestehenden Selbstverwaltung.

Daneben entwickelt sich jedoch zunehmend eine zweite Sichtweise, in der aus der gegenwärtigen Krise bereits faktisch die politische oder tatsächliche Schlussfolgerung gezogen wird, das Versorgungssystem sei praktisch gescheitert, „pleite“ oder nur noch abwickelbar.

Dabei fällt auf, dass spekulative Szenarien, Hochrechnungen oder zugespitzte Interpretationen teilweise mit einer Sicherheit vorgetragen werden, als handele es sich bereits um abschließend belegte Tatsachen. Die sich selbst bestätigende Annahme, die eigenen Untergangsszenarien lägen automatisch näher an der Realität, ist jedoch zunächst einmal vor allem Ausdruck eines erheblichen Selbstbewusstseins — ein tatsächlicher Beleg ist damit noch nicht erbracht.

Zwischen den Polen „alles super“ und „das System ist praktisch tot“ existieren weiterhin zahlreiche differenzierte Betrachtungsmöglichkeiten.

Verkürzungen und Zuspitzungen

Hinzu kommt, dass Aussagen inzwischen häufig verkürzt oder zugespitzt weitergegeben werden.

Die Aussage:

„Es ist nichts mehr da zum Spekulieren. Wir räumen einfach nur Scherbenhaufen auf“

bezog sich nach meinem Verständnis sinngemäß darauf, dass derzeit keine Spielräume für neue spekulative Anlageentscheidungen beziehungsweise keine entsprechende Liquidität vorhanden sind.

Daraus unmittelbar abzuleiten, das gesamte Versorgungssystem sei bereits endgültig gescheitert oder faktisch insolvent, geht deutlich über die eigentliche Aussage hinaus.

Seriöse Aufarbeitung bedeutet aus meiner Sicht gerade nicht, aus einzelnen Aussagen oder Modellannahmen fortlaufend apokalyptische Gewissheiten abzuleiten.

Personalisierung statt Sachdebatte

Besonders problematisch erscheint inzwischen die zunehmende Personalisierung der Diskussionen.

An die Stelle sachlicher Auseinandersetzung treten immer häufiger:

  • Motive-Unterstellungen,
  • persönliche Zuschreibungen,
  • moralische Bewertungen,
  • und spekulative Deutungen über angebliche Strategien einzelner Beteiligter.

Gerade in emotional aufgeladenen Chatgruppen entsteht dadurch schnell ein Klima permanenter Verdachtslogik. Wer differenziert argumentiert oder auf rechtliche, satzungsrechtliche oder organisatorische Grenzen hinweist, wird nicht selten sofort als „ausweichend“, „inszenierend“ oder als Teil eines angeblichen Systems interpretiert.

Dabei wird häufig übersehen:

Ein Versorgungswerk ist keine informelle Chatgruppe, sondern eine rechtsgebundene Institution mit Organen, Zuständigkeiten, Verschwiegenheitspflichten und haftungsrechtlichen Grenzen.

Nicht jede Information darf oder kann jederzeit öffentlich gemacht werden. Nicht jede offene Frage kann spontan beantwortet werden. Und nicht jede differenzierte Einordnung ist automatisch ein Versuch der Verharmlosung.

Die eigentliche Grundsatzfrage

Aus meiner Sicht zeigt sich hinter diesem“Streifen“  jedoch noch eine viel grundsätzlichere Frage:

Wie verstehen wir Selbstverwaltung überhaupt?

Selbstverwaltung lebt nicht nur von Kritik, Transparenzforderungen und individuellen Ansprüchen. Sie lebt auch davon, dass Menschen bereit sind, Verantwortung innerhalb dieser Strukturen selbst mitzutragen.

Ein berufsständisches Versorgungswerk ist eben nicht ausschließlich ein individuelles Anlagekonto. Es beruht auch auf:

  • Solidarität,
  • gemeinsamer Verantwortung,
  • gegenseitiger Absicherung,
  • und dem Vertrauen innerhalb eines Berufsstandes.

Natürlich hat jedes Mitglied das Recht auf Kritik, Transparenz und Aufklärung. Gleichzeitig entsteht in vielen Diskussionen jedoch zunehmend der Eindruck, dass Selbstverwaltung fast nur noch unter dem Blickwinkel individueller Ansprüche und persönlicher Verluste betrachtet wird.

Damit droht etwas verloren zu gehen, das für funktionierende solidarische Systeme ebenfalls unverzichtbar ist:

das Bewusstsein gemeinsamer Verantwortung.

Notwendige Reformen brauchen Differenzierung

Selbstverständlich müssen Fehlentwicklungen aufgearbeitet werden. Kontrolle und Transparenz müssen verbessert werden. Daran besteht kein Zweifel.

Aber ein solches System wird nicht dadurch stabiler, dass Misstrauen, permanente Verdachtslogik und immer weitergehende Personalisierung die Diskussion bestimmen.

Gerade in einer Situation, in der viele Mitglieder verunsichert sind, tragen alle Beteiligten Verantwortung dafür, ob die Debatte weiter eskaliert oder ob es gelingt, Vertrauen, Differenzierung und eine gemeinsame Grundlage für notwendige Reformen innerhalb rechtsstaatlicher und satzungsgemäßer Strukturen zu erhalten.

Dr.H. Dohmeier-de Haan

4 Kommentare

  1. Dr. Heidemarie Schroeder

    Ich kann den Beitrag von Herrn Kollegen Dohmeier – De Haan beim besten Willen nicht verstehen. Es ist allen Kollegen, die ihr ganzes Berufsleben lang Beiträge in das VZB eingezahlt haben, ein enormer Schaden entstanden. Heute berufstätige Zahnärzte zahlen ihre Beiträge in der Gewissheit ein, sich damit keine adäquate Altersversorgung aufzubauen. Selbst gegenwärtigen Studenten der Zahnmedizin, so sie einmal in Berlin, Brandenburg oder Bremen tätig werden wollen, droht das gleiche Schicksal. Vor diesem Hintergrund darauf zu verweisen, dass ein berufsständisches Versorgungswerk von Solidarität, gemeinsamer Verantwortung, gegenseitiger Absicherung und dem Vertrauen innerhalb eines Berufsstandes geprägt sei, klingt da wie der reine Hohn. Gerade dieses Vertrauen ist doch grenzenlos enttäuscht bis missbraucht worden! Eine Absicherung in den eingezahlten Beiträgen entsprechender Höhe gibt es nicht! Die hierfür Verantwortlichen haben sich eben nicht solidarisch verhalten, die Verantwortung, die sie freiwillig übernommen haben, nicht wahrgenommen! Sich da zu wundern, dass in Diskussionsforen die Wellen hoch schlagen, löst bei mir mehr als bloße Verwunderung aus. Das VZB hat in seiner ureigensten Aufgabe, nämlich die Beiträge seiner Mitglieder wenn schon nicht mit hohen Gewinnen, dann doch aber sicher auch durch Krisen zu lenken, komplett versagt. Die Ursachen müssen geklärt werden, so wie Schuldfragen auch. Verantwortliche, die auch Namen tragen, müssen zur Rechenschaft gezogen werden, Institutionen und Behörden ebenso. Was Herr Kollege Dohmeier-De Haan hier differenzierter betrachtet sehen möchte, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.

    • Dr.Dohmeier-de Haan

      Liebe Frau Kollegin Schröder,

      ich danke Ihnen für Ihren offenen und sehr deutlichen Kommentar. Ich gehe davon aus, dass Ihre Reaktion und Ihre Empfindungen derzeit von vielen Kolleginnen und Kollegen geteilt werden. Der Vertrauensverlust, die Enttäuschung und die Sorge um die eigene Altersversorgung sind nach den Entwicklungen der vergangenen Jahre absolut nachvollziehbar.

      Die eingetretenen Schäden, die mangelnde Transparenz und die offenkundigen Fehlentscheidungen dürfen weder relativiert noch beschönigt werden. Selbstverständlich müssen Ursachen aufgearbeitet, Verantwortlichkeiten benannt und mögliche Pflichtverletzungen geprüft werden — personell, institutionell und gegebenenfalls auch juristisch.

      Gerade deshalb verstehe ich auch, warum die Diskussionen derzeit mit großer Emotionalität geführt werden.

      Was ich allerdings differenzierter betrachtet wissen möchte, ist etwas anderes:

      Das Fehlverhalten oder Versagen konkreter handelnder Personen bedeutet aus meiner Sicht nicht automatisch, dass jede Form berufsständischer Selbstverwaltung als Prinzip grundsätzlich gescheitert ist.

      Denn die Alternative wäre nicht zwangsläufig mehr Sicherheit, mehr Transparenz oder bessere Kontrolle. Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen vielmehr, dass auch hochprofessionelle externe Systeme — Banken, Versicherungen, Fondsmanager oder institutionelle Investoren — keineswegs vor Fehlentwicklungen, Interessenkonflikten oder massiven Verlusten geschützt sind.

      Mein Hinweis auf Solidarität, gemeinsame Verantwortung und gegenseitige Absicherung sollte deshalb keineswegs wie eine Verharmlosung der eingetretenen Schäden verstanden werden. Ich wollte vielmehr darauf hinweisen, dass ein berufsständisches Versorgungswerk eben mehr ist als ein individuelles Anlagekonto. Es ist immer auch Ausdruck eines generationenübergreifenden Versorgungssystems innerhalb eines freien Berufsstandes.

      Dass dieses Vertrauen durch konkrete Verantwortliche schwer beschädigt worden ist, bestreite ich ausdrücklich nicht.

      Ich halte es allerdings für wichtig, zwischen der berechtigten Kritik an konkreten Fehlentwicklungen und der grundsätzlichen Frage zu unterscheiden, wie die aktuellen Probleme überhaupt gelöst werden können.

      Denn unabhängig davon, wie man die Selbstverwaltung langfristig bewertet, werden die kurzfristig notwendigen Entscheidungen zu Renten, Anwartschaften, Beiträgen und Stabilisierung zunächst innerhalb der bestehenden gesetzlichen und satzungsrechtlichen Strukturen getroffen werden müssen. Ein vollständiger Systemwechsel würde die aktuellen Probleme kurzfristig nicht lösen, sondern vermutlich zunächst zusätzliche Unsicherheit schaffen.

      Vielleicht liegt genau dort auch ein Teil des Missverständnisses:
      Ich verteidige nicht unkritisch die Entwicklungen der vergangenen Jahre. Im Gegenteil — ich habe bereits vor nahezu 20 Jahren öffentlich auf strukturelle Probleme und die schleichende Aushöhlung der Selbstverwaltung hingewiesen.

      Gerade deshalb halte ich es heute für wichtig, die notwendige Aufarbeitung, Kritik und Reformdiskussion mit einer möglichst sachlichen Betrachtung dessen zu verbinden, was kurzfristig realistisch lösbar ist und was nicht.

      Mit kollegialen Grüßen

      Dr. H.-Helmut Dohmeier-de Haan

      • Dr. Heidemarie Schroeder

        Sehr geehrter Kollege Dohmeier-De Haan,
        ich habe Sie, wie auch die anderen BUZ 2.0 – Leute, bisher als Aufklärer kennengelernt, und vor den Kammerwahlen deshalb, so weit es mir möglich war, unterstützt. Inzwischen war ich fast versucht zu denken: Ach hätte es diese Aufklärer doch nie gegeben, denn dann wäre die Karre noch lange weiter Richtung Wand gefahren, und wenn sie diese schliesslich erreicht hätte, weilte ich vielleicht gar nicht mehr unter den Lebenden und hätte bis dahin meine Rente ungekürzt geniessen können. Denn das Geld für meine und die Renten der anderen Alten, wie auch für weitere Spielchen eines VZB-Direktors und seiner Finanzkumpanen, wäre ja weiterhin geflossen – genug junge Zahnärzte zahlten permanent weiter ein.
        So aber stehen die Aufklärer heute vor einem Scherbenhaufen, den ein Fingerstups an das bereits tief zerstörte Gebäude des VZB erzeugt hat, und vor der Notwendigkeit, Erklärungen zu liefern, Rachegefühle auszuhalten und vor allem Träger für den erzeugten Milliardenschaden zu finden. Der Senat hat als Ausfallbürge bereits abgewunken. Die APO-Bank sich als gar nicht beteiligt erklärt. Gegen Wirtschaftsprüfer und einige ehemalige VZB-Funktionäre wird geklagt. Da all dies keine 1.3 Milliarden Euro zurückbringen wird, wird aktuell wohl um eine möglichst „solidarische“ Verteilung des Schadens gerungen. Und das wird schwer genug werden, und darauf freut sich auch niemand. Damit die Jungen unter den Kollegen das VZB künftig nicht wie eine mafiöse Organisation empfinden, an welche sie Schutzgeld zu zahlen haben, damit sie in Berlin, Brandenburg oder Bremen arbeiten dürfen, bedarf es zeitnah tiefgreifender Systemänderungen. Und aktuell weiterer Aufklärung, Klärung auch von Schuld. Und der Verhängung harter Strafen, um wenigstens etwas Gerechtigkeit in dieses zutiefst ungerechte Geschehen zu bringen.

        • Dr.Dohmeier-de Haan

          Sehr geehrte Frau Kollegin Schroeder,

          manchmal frage ich mich selbst, ob nicht genau das eingetreten ist, was ich bereits vor nahezu 20 Jahren in einem kritischen Beitrag zur Entwicklung der Selbstverwaltung beschrieben habe:
          eine schleichende Aushöhlung von Verantwortung, Kontrolle und gemeinschaftlichem Denken — bis zu einem Punkt, an dem das System schließlich an seinen eigenen strukturellen Schwächen scheitert.

          Vielleicht wäre die „Karre“, wie Sie schreiben, tatsächlich noch einige Jahre weitergerollt, wenn bestimmte Entwicklungen nicht öffentlich gemacht worden wären. Vielleicht hätten viele ihre Renten noch eine Zeitlang ungekürzt erhalten. Aber ich fürchte, der grundlegende Schaden wäre dadurch nicht verschwunden, sondern nur zeitlich verschoben worden.

          Gerade deshalb sehe ich die jetzige Krise nicht nur als finanzielle Krise des VZB, sondern möglicherweise tatsächlich als einen historischen Wendepunkt für die berufsständische Selbstverwaltung insgesamt.

          Und vielleicht wird sich im Rückblick zeigen, dass das Desaster des VZB für viele Kolleginnen und Kollegen der endgültige Vertrauensbruch und damit der letzte Sargnagel für die bisherige Form der Selbstverwaltung gewesen ist.

          Was mich allerdings weiterhin beschäftigt, ist die Frage, ob die oft geforderte „Professionalisierung“ oder die schlichte Übertragung von Verantwortung an externe Akteure die Probleme tatsächlich lösen würde. Denn auch hochprofessionelle Finanz-, Banken- und Versicherungssysteme sind keineswegs frei von Fehlentwicklungen, Interessenkonflikten oder massiven Verlusten.

          Das ändert allerdings nichts daran, dass die jetzige Situation tiefgreifende Konsequenzen haben wird — für das VZB, für die Kammern, für die Selbstverwaltung und wahrscheinlich für das gesamte berufspolitische Selbstverständnis unseres Berufsstandes.

          Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Tragik:
          Dass ausgerechnet ein System, das ursprünglich auf Solidarität, gemeinschaftlicher Verantwortung und beruflicher Unabhängigkeit beruhte, heute von vielen nur noch als Zwangssystem oder als Ausdruck von Intransparenz und Machtversagen wahrgenommen wird.

          Und das wäre tatsächlich ein sehr bitterer Tag — weit über das VZB hinaus.

          Mit freundlichem Gruß

          Dr.H.Dohmeier-de Haan

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