Der im Jahr 2019 veröffentlichte Fachartikel von Patrick Eisele beschreibt die damalige Kapitalanlagestrategie des Versorgungswerks der Zahnärztekammer Berlin (VZB) aus zeitgenössischer Perspektive – also lange vor der heutigen Krise und den aktuellen Auseinandersetzungen. Der Beitrag hat deshalb besondere Aussagekraft, weil er nicht rückblickend bewertet, sondern die Strategie während ihrer aktiven Umsetzung darstellt.
Ausgangspunkt: Niedrigzins und strategische Neuausrichtung
Der Artikel ordnet die Situation zunächst in den Kontext der damaligen Niedrigzinsphase ein. Viele Altersvorsorgeeinrichtungen standen vor dem Problem, ihre Rechnungszinsen mit klassischen Anlagen kaum noch erwirtschaften zu können. Innerhalb dieser Diskussion nahm das Berliner Versorgungswerk eine besondere Rolle ein.
Der damalige Direktor Ralf Wohltmann stellte auf einem Investment-Forum der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apo-Bank) im Jahr 2019 die Kapitalanlagestrategie des Hauses ausdrücklich selbst vor. Bereits dieser Umstand ist bedeutsam: Die Strategie wurde nicht intern behandelt, sondern aktiv gegenüber der Fachöffentlichkeit institutioneller Anleger erläutert.
Wohltmann erklärte dabei ausdrücklich, das Versorgungswerk verfolge eine „andere Risikosicht“ und agiere bewusst anders als viele andere berufsständische Versorgungswerke. Die Anlagepolitik beruhte also nicht auf einzelnen Entscheidungen, sondern auf einem grundsätzlichen strategischen Ansatz.
Übergang zu einer unternehmerischen Kapitalanlage
Der Artikel beschreibt den Anlagekurs als „deutlich unternehmerisch geprägt“. Das Versorgungswerk entfernte sich damit von der klassischen Struktur vieler Versorgungseinrichtungen (breit gestreute Wertpapiere, Fonds-Immobilien und Anleihen) und bewegte sich stärker in Richtung direkter Beteiligungen und unternehmerischer Engagements.
Genannt werden u. a.:
- Beteiligung am Ferienhotel-Entwickler 12.18.
- Engagement bei der Finanzierungsplattform Kapilendo (inklusive Seed-Finanzierung)
- Beteiligungen an Fintech-Strukturen (Finleap)
- Engagement beim Immobilienunternehmen Engel & Völkers
- Direktdarlehen an Unternehmen
- Beteiligung an einem Recyclingunternehmen in Kalifornien
- weitere Beteiligungs- und Infrastrukturprojekte, teils auch in Schwellenländern
Diese Aufzählung zeigt: Es handelte sich nicht um eine Einzelinvestition, sondern um eine strategische Umstellung der Asset-Allokation hin zu unternehmerischen Beteiligungen und projektbezogenen Investments.
Rolle der Gremien
Der Artikel hebt hervor, dass wesentliche Entscheidungen nach Darstellung des Direktors in Abstimmung mit den Gremien erfolgt seien. Insbesondere wird der Verwaltungsausschuss als zentrales Entscheidungsgremium genannt. Beschlüsse wie der Verkauf direkt gehaltener Immobilien und die verstärkte Beteiligungsstrategie seien in gemeinsamen Diskussionen getroffen worden.
Zusammenarbeit mit anderen Versorgungswerken
Von besonderer Bedeutung ist die Aussage, dass einzelne Investments gemeinsam mit anderen Pensionskassen und Versorgungswerken durchgeführt wurden. Daraus ergibt sich, dass die Strategie nicht isoliert verfolgt wurde, sondern innerhalb eines Netzwerks institutioneller Anleger stattfand.
Einordnung in die Verbandspolitik
Der Artikel erwähnt außerdem ausdrücklich die Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen e. V.(ABV). Deren Vertreter sprachen sich auf derselben Veranstaltung dafür aus, die regulatorischen Anlagespielräume für Versorgungswerke zu erweitern, insbesondere hinsichtlich Beteiligungsquoten und Subquoten innerhalb der Anlageverordnung. Gleichzeitig wurde die Notwendigkeit eines angemessenen Risikomanagements betont.
Damit zeigt der Beitrag, dass die Berliner Strategie zeitgleich in einem fachlichen Diskurs über größere Anlagefreiheit für Versorgungseinrichtungen stand.
Rendite und Zielsetzung
Der Artikel berichtet über Nettorenditen von etwa sieben Prozent in den vorangegangenen Geschäftsjahren und ordnet diese als Bestätigung des eingeschlagenen Kurses ein, weist aber zugleich darauf hin, dass Sondereffekte zu den guten Ergebnissen beigetragen haben könnten. Ziel der Strategie sei insbesondere gewesen, den Rechnungszins langfristig absichern zu können.
Gesamtbewertung des Artikels
Der Beitrag dokumentiert, dass die unternehmerisch geprägte Kapitalanlagestrategie des Versorgungswerks der Zahnärztekammer Berlin bereits 2019 offen dargestellt, begründet und im Kreis institutioneller Altersvorsorgeeinrichtungen diskutiert wurde. Er beschreibt den Ansatz ausdrücklich als bewusste Abweichung von klassischen Anlagestrukturen und als strategische Neuausrichtung.
Gerade weil der Artikel zeitnah zur Umsetzung erschien und nicht erst im Nachhinein verfasst wurde, stellt er eine wichtige zeitgenössische Quelle zur damaligen Wahrnehmung der Anlagestrategie dar.
Quelle:
Patrick Eisele, „Unternehmertum im Versorgungswerk“, erschienen 2019 in der Fachpresse für institutionelle Anleger (Investment-Forum-Berichterstattung zur Veranstaltung der Deutschen Apotheker- und Ärztebank).
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